Die Wissenschaft der Beziehungen.

Ein Brief von Srila Bhakti Aloka Paramadvaiti Swami

Die Wissenschaft der Beziehungen

Von Swami B. A. Paramadvaiti

Spirituelles Leben ist die Wissenschaft von wunderbaren, auf Liebe basierenden, Beziehungen.

Eines der Hauptprobleme in unserer Welt ist, dass wir kaum liebevolle Beziehungen haben. Auch darum suchen wir nach Freiheit von der materiellen Welt, um eine höhere Wahrheit zu erreichen. Wir begehren wahre Liebe und Freude.

Wir werden in eine Welt geboren, wo Beziehungen nicht auf Respekt basieren. Man ist lediglich eine Nummer, ein Kunde oder ein Objekt der Begierde.

Kinder hören nicht auf ihre Eltern und diese wiederum akzeptieren sie nur, insofern Karriere und Erfolg in Aussicht stehen. Kaum jemand kümmert sich um die Älteren. Frauen genießen nur solange Aufmerksamkeit, wie sie sexuell anziehend sind. Die Regierung sorgt sich nicht um die Wähler. Die Polizei wurde hauptsächlich deshalb gegründet, um die Wertsachen der Reichen vor denen, die nichts haben, zu schützen.

Trotzdem versuchen wir weiterhin, die Liebe zu verstehen, die es vermag, uns von Seele zu Seele zu verbinden.

In den Veden werden spirituelle Beziehungen „nitya- sambandha“ genannt, ewige Beziehungen. Diese ewige Beziehung ist vergleichbar damit, dass wir immer noch der Sohn unserer Mutter sind, auch lange nachdem sie diese Welt verlassen hat. Wir fühlen, dass es eine Art Beständigkeit in der Beziehung gibt, obgleich wir in früheren Leben viele verschiedene Mütter und Beziehungen hatten. Was immer uns in dieser Welt passiert, ist nicht ewig. So wie es George Harrison besingt: „All Things Must Pass“ (alle Dinge müssen vergehen).

Während wir eine Verbindung zur ewigen Welt suchen, kommen wir nicht umhin, nach dem Ursprung unseres Bewusstseins und unserer Individualität zu fragen. Ohne eine Antwort können wir unsere Umwelt, die Geschehnisse um uns herum, nicht wirklich verstehen.

Wenn nur ein Exemplar von irgendetwas existiert, so ist es einzigartig. Jeder ist einzigartig und unersetzbar, genau wie die winzige blaue Mauritius Briefmarke, die drei Millionen Dollar wert ist.

Aber da gibt es noch ein Problem: In unserer Egozentrik denken wir allzu schnell, dass andere keinen wirklichen Wert haben. Auf diese Weise bezweifeln wir auch unseren eigenen Wert. Nach und nach verlieren wir unsere Selbstachtung. Wenn es niemanden gib, dem wir danken können, so gefriert das Leben um uns herum. In dieser Zeit schlägt unser Verstand verschlungene Pfade ein, wir beschweren uns über die gesamte Schöpfung und fliehen in die Selbstzerstörung.

Wir erkennen nicht den Schatz unseres Lebens, weil wir nie gelernt haben, das Leben und die anderen zu respektieren.

Es ist unbedingt erforderlich, dieses Defizit zu beseitigen, ansonsten verpassen wir die große Chance wahren menschlichen Lebens. Uns eben diese entgehen zu lassen, ist so einfach wie ein Glas vom Tisch zu stoßen. Darum sagen die Veden: Das menschliche Dasein ermöglicht uns die Suche nach der Wahrheit.

Ich denke, in dieser Welt nach der Wahrheit zu suchen, ist für uns die wunderbarste Gelegenheit. Die Suche nach der Wahrheit und danach zu leben, verwandelt die ganze Welt in ein großartiges Fest.

Wir stellen uns selbst als Optimisten dar, oftmals sagen wir: alles ist gut, alles ist fantastisch, alles wird ein Erfolg. Die Bhagavad Gita lehrt uns, dass unsere Welt vergänglich und voller Leiden ist („duhkhalayam asasvatam“). Vielleicht sollten wir heutzutage lieber sagen: Lächle, denn morgen kann es noch schlimmer kommen als heute. Wie können wir die Suche nach der Wahrheit dann ein großartiges Fest nennen?

Wenn wir mit der ewigen Wirklichkeit verbunden werden, müssen wir uns nicht länger über die zerbrechlichen Beziehungen dieser Welt beklagen. Wir beklagen uns nicht mehr über den Körper, welcher unbeständige Materie darstellt. Ich bin nicht der Körper, ich bin eine unsterbliche, von Glück erfüllte Seele. Zusammen mit meinen Brüdern und Schwestern bin ich mit der absoluten Glückseeligkeit, Sri Krishna, verbunden.

Wenn jemand krank ist, sitze ich an seinem Bett und sage: Das kommt in Ordnung, du brauchst nur den Heiligen Namen zu chanten! Selbst wenn du diesen Körper verlassen musst, chante den Heiligen Namen Gottes und alles wird gut. Das ist eine Tatsache. Denke im Moment des Todes an Gott und du findest sofortige Erlösung.

Ein anderes Mal bin ich vielleicht derjenige, der bettlägerig ist und jemand anderes sagt mir, ich soll den Heiligen Namen chanten und mich an Lord Krishna erinnern. Er ermutigt mich. Manchmal helfen wir und manchmal sind wir es, denen geholfen wird, beides ist wunderbar. Was ist falsch daran? Jemandem beizustehen, ihn zu begeistern, ihm Heilung zu bieten – was ist falsch an dem Gefühl, dass wir alle verbrüdert sind?

Aber wir können mehr tun, als uns beistehen: Wir können zusammen feiern und Prashadam (zu Gott geopferte Speise) zu uns nehmen. Wir können Musik machen, uns ein Theaterstück ansehen, einen Tempel bauen, meditieren und uns gegenseitig helfen, richtig in dieser Welt zu leben. Wir können so viel gemeinsam tun. Wenn wir ein gemeinsames Ziel haben und zusammenarbeiten, dann werden wir sehr glücklich sein können.

Noch sind wir jung, doch schon bald werden wir alt sein. Warum ist das ein Problem? Wollen wir die Räder der Zeit anhalten, um wieder ein Baby zu sein, wieder in die Gebärmutter kriechen, um absorbiert zu werden? Lasst uns die Welt akzeptieren, wie sie ist. Lasst uns unser Karma akzeptieren.

Aber lasst uns verstehen, was Karma und Reinkarnation bedeuten. Voltaire sagte: „Es ist nichts ungewöhnliches daran, wiedergeboren zu werden, wenn wir berücksichtigen, wie besonders es ist, nur einmal geboren zu werden.“ Unglücklicherweise weiß der gewöhnliche Mensch nicht viel über die Natur der Seele. Er fühlt nicht, dass jeder und jedes Tier unser Bruder ist. Menschen sind Experten auf dem Gebiet des Tötens, aber sie sorgen sich nicht darum, wie sie Beziehungen zu anderen schaffen. Wenn die Dinge so weitergehen, werden wir in Zukunft noch größere Probleme haben und uns selbst zerstören.

Eine andere Lebensweise ist allerdings möglich.

Wenn wir uns von der Erscheinungsweise der Unwissenheit und Leidenschaft zu der Erscheinungsweise der Tugend erheben, werden unsere Beziehungen sehr freudvoll werden. Doch es ist praktisch unmöglich, die Güte zu erreichen ohne eine tiefere Erfahrung. Sie wird uns nur durch die spirituelle Erfahrung zugänglich; wenn wir zu Gott finden. Das erreichen wir durch Chanten des heiligen Namens, Maha-Mantra Meditationen und wenn wir unserem Schöpfer liebevollen Dienst, Bhakti Yoga, darbringen. Meine Erfahrungen zeigen, dass es keine andere Annäherung gibt, um diese transzendentale Liebe zu erreichen. Ich sage nicht, dass das der einzige Weg ist, aber er funktioniert, ist erfolgreich und voller Freude.

Wenn wir das Stadium der Güte erreicht haben, wird es uns möglich sein, aufrichtige Beziehungen zu führen und die Erfahrung unserer Existenz wird eine positive und nützliche sein. Wir müssen aufhören, anderen Probleme zu bereiten, angefangen bei unseren Ehepartnern, Kindern, Brüdern und Schwestern. In unserer Gesellschaft streiten sogar enge Verwandte und Freunde miteinander.

In der vedischen Kultur respektieren sich Geschwister. Der Tag der Geschwisterverehrung ist ein bedeutendes Familienfest. Die Schwestern geben dann ein kleines Geschenk an ihre Brüder. Sie binden eine farbige Schnur um deren Handgelenke und erbitten Schutz durch Gottes Segen. Der Bruder gibt sein Bestes für seine Schwester, besonders wenn es um ihren Schutz geht. Wenn eine Frau nicht verheiratet ist aber einen Bruder hat, kann sie gewiss sein, dass er sich um sie sorgt und kümmert. Der junge Mann wird das Haus nicht verlassen oder heiraten, bis seine Schwester verheiratet ist, bis er sicher sein kann, dass sie in guten Händen ist. Das ist nicht Theorie, es ist heutzutage immer noch so.

Wenn du eine wundervolle Beziehung zu Gott suchst, beginne damit, gute Beziehungen zu jedem zu haben.Wenn du Ihn sehen willst, dann lebe so, dass ER dich sehen will. Wenn du die Leute um dich herum wie Brüder und Schwestern behandelst, wirst du Gott auch in ihnen sehen. Das ist die Kultur des spirituellen Fortschritts. Weil es uns zuvor nicht gelehrt wurde, müssen wir es jetzt lernen. Manche Leute respektieren nicht einmal ihre Mutter; während der Sohn im Park Drogen nimmt, sitzt die Mutter weinend zu Hause. Welche Art Beziehung ist das? Von der vedischen Literatur und der Freundschaft zu Devotees werden wir lernen, eine gute Beziehung zu den Leuten um uns herum zu haben. Lasst uns lernen, was wir tun sollten, um wahre Liebe zu verstehen. Jede Beziehung ist von Bedeutung.

Wie schön es ist, wenn wir zusammen chanten und für Krishna tanzen! Wie schön es ist, wenn wir unser Haus mit anderen teilen und niemand sich bekriegen muss! Jeder kann lächeln und sich zu Hause fühlen. Probleme beginnen, wenn jemand das Gefühl hat, dass er gehen muss. Der Grund, warum viele Leute sich von der spirituellen Gemeinschaft entfremden, ist, weil sie dort nicht in Illusion leben können und weil wir sie nicht zu einem Gefangenen der materiellen Welt werden lassen.

Wir sehnen uns nach der Gesellschaft aufrichtiger Leute, die gegen die Illusion kämpfen wollen, die wahre Freunde werden wollen. Das heißt nicht, dass die Familie aufgegeben werden soll. Wir können ein wahrhaft spirituelles Leben im Rahmen einer Familie führen und doch brauchen wir auch transzendentale Beziehungen zu anderen.

Wir brauchen eine Beziehung zu Ishta-dev, dem Herrn unseres Herzens. Nach einer Beziehung zu suchen, setzt eine Beziehung zu Ihm voraus. Wer ist mein Herr in dieser Welt? Wem werde ich Folge leisten? Wen werde ich verehren? Wessen Glück ist mein Glück? Ohne den Herrn unseres Herzens fühlen wir uns einsam, auch wenn wir umringt von Menschen sind. Wir können nicht glücklich ohne Gott leben, weil wir Ihn brauchen!

In der materiellen Welt versuche ich, mein eigener Herr zu sein; zu gern wäre ich auch Herr von dir. Du denkst genauso. So erfüllen nicht endende Streitereien und Kriege unser Leben.

Der Wissenschaft des liebenden Dienens zufolge, bist du, wenn du keinen Meister hast, wie ein streunender Hund. Auch wenn es zunächst hart klingt, wird es uns von den Schriften so gelehrt. Viele Hunde irren durch die Straßen, ohne dass ihnen jemand Beachtung schenkt und wenn eure Blicke sich treffen, kommen sie und wedeln mit dem Schwanz. Sie sehen euch an, als wollten sie sagen: „Willst du mein Herr sein?“ Wir drehen uns schnell weg und der Hund lässt traurig seinen Kopf hängen: „Niemand braucht mich“.

Wenn wir nicht den Herrn unseres Herzens finden, für den wir sehr wichtig sind, dann sind wir vielleicht intelligent und reich und haben viele „Connections“, aber wir sind trotzdem noch einsam. Wir treiben durch die Welt, ohne inneren Frieden gefunden zu haben.

Die moderne Psychologie fordert uns heraus: Predigt ihr etwa das Aufgeben der Eigenständigkeit ? Möchtest du, dass ich schwach bleibe, keine Selbstachtung habe? Willst du mich wegen meiner Individualität benachteiligen?

Meine Antwort ist, dass ich so etwas niemals tun würde. Aber das Niveau deines Bewusstseins erkennt man daran, wie du deinen Meister wählst. Deine Kompetenz misst sich daran, wen du als deine Begleiter wählst, wie du deine Kinder großziehst und wie du höheren Idealen dienst. In unserer Philosophie ist die Entwicklung von jemandem von den Idealen, die er respektiert und welchen er folgt, abhängig .

Die Ideale werden durch diejenigen aufgestellt, die sie repräsentieren. Wenn wir den Guru respektieren, verehren wir ihn nicht als Individuum, sondern als eine Substanz, als einen sicheren Beitrag zu unserem Leben. Diese Liebe ist letztlich für unseren Höchsten Herrn und Meister bestimmt. Vielleicht haben wir einen persönlichen Lehrmeister, einen Tempelpräsidenten oder einen Sannyasi, aber wir können mehrere unterrichtende spirituelle Meister (Shiksha Gurus) haben, die wir alle lieben. Ist Lord Caitanya Mahaprabu dein Meister, der Herr deines Herzens, dann kann jeder einzelne Guru dein Meister werden.

Ein Devotee ist niemals allein. Er hat keine Zeit, sich alleine zu fühlen. Und wenn er es doch ist, was kann er tun? Er kann auf die Straße gehen und Leute einladen – die Welt ist voll von Leuten, die nicht wissen, wo sie hingehen sollen, wo ihr Platz im Leben ist. Sie besuchen Filme, Bars und Casinos, hilflos nach jemandem suchend, der freundlich sagt: „Ich liebe dich“.

Wenn du dich einsam fühlst, tu etwas für andere. Manche Leute beklagen sich: „Ich bin arm, keiner liebt mich, keiner kümmert sich um mich“ Dann frage ich: „Denkst du nicht, es gibt Leute, denen es schlechter geht als dir?“ Dann ist die Antwort: „Ja, ich weiß“ Dann erwidere ich nur noch: „Warum beschwerst du dich dann? Geh und hilf ihnen, denn wenn du ihnen hilfst, wirst du auch jegliche Art von Unterstützung erhalten.“

Das ist das Geheimnis der Liebe. Das, was du von anderen erwartest, musst du selbst bereit sein zu geben. Es ist so einfach. Wenn du dich nach Liebe sehnst, musst du Liebe schenken. Wenn du meinst, da ist keine Liebe in dir, frage deinen Guru und er wird dir mehr geben, als du ertragen kannst. Wenn du Wissen suchst, musst du Wissen geben. Suchst du Freunde, musst du anderen ein Freund sein.

Aber wir haben noch einige Probleme. Wir sind etwas begriffsstutzig durch die Erscheinungweisen der Leidenschaft und Unwissenheit. Wir können diese Informationen nur theoretisch wertschätzen. Der Punkt ist, dass wir unser Leben anders leben müssen. Es ist das Hare Krishna Mahamantra, das uns durch diese Veränderung führt. Chante das Mantra und viele wundervolle und mystische Dinge werden dir widerfahren; du wirst all die notwendige Kraft bekommen. Die Tugend selbst wird kommen und dich retten.

Wenn es kalt ist, werden wir in einem warmen Raum Schutz finden. Wenn wir hungrig sind, wird ein großer Teller voll Essen uns nähren. Wenn wir nach einem wahren Freund und Führer suchen, werden der Heilige Klang des Mahamantras und Krishnas Devotees uns dabei unterstützen.

Spirituelles Leben ist nicht bloß eine angenehme Art, seine Zeit zu vertreiben. Natürlich freuen wir uns über Menschen, wenn sie das Hare Krishna Mantra chanten und unser Prashadam essen. Mehr noch, wir suchen die Gemeinschaft von Menschen, welche die Verantwortung übernehmen, anderen zu helfen, welche gewillt sind, spirituelle Meister zu werden. Sie scheuen sich nicht, als verantwortungsbewusste Menschen Aufgaben zu übernehmen. Sie sind nicht stolz, aber bereit, die größten Schätze an andere weiterzugeben. Krishnas Heiliger Name ist so kraftvoll, dass ER jeden zu einem spirituellen Meister machen kann. Ein bescheidener Devotee wird dies verstehen. Ein wahrer spiritueller Meister ist jedermanns Diener – ein Diener des Dieners des Dieners … und er ist glücklich, wenn er anderen dienen kann.

Wenn ein schweres Leiden das Land verwüstet, werden Ärzte herbeigeholt, welche die Kranken heilen. Wenn die Unwissenheit der Menschen Leid hervorruft, so brauchen wir Brahmanen, die der Menschheit spirituelles Wissen geben. Mein Gurudeva, Srila Prabhupada, widmete sein Leben dieser Aufgabe.

Die Brahmanen sind das Rückgrat der Gesellschaft. Darum werden sie in den Veden gepriesen. Wir alle müssen qualifizierte Diener der Menschheit werden. Aber um ein Brahmane zu werden, müssen wir einige sehr wichtige Dinge lernen. Wir müssen das Mantra im Innern unseres Herzens chanten und ein reguliertes Leben führen, bei dem wir alle unerwünschten (leidbringenden) Tätigkeiten vermeiden.

Euer immer liebender

Swami BA Paramadvaiti