Die letzte Rettung

Eine Erzählung von Bhakti Aloka Paramadvaiti Swami

Es war einmal, vor langer Zeit, ein junger Mann, der lebte in einem kleinen Dorf. Der junge Mann hiess Fragmut und war Hirte von Beruf.

Wenn er mit den Kühen allein draussen auf den Weidegründen war, hatte er oft viel Zeit zum Nachdenken. Er beobachtete auch gerne.

Weil er meistens schwieg, konnte er sehr gut beobachten. Er beobachtete die Menschen im Dorf, die Tiere und Vögel im Wald, seine Kühe, die kleinen Insekten in der Wiese. Wenn er genug beobachtet hatte, setzte er sich unter einen schattigen Baum und dachte nach über alles, was er gesehen und gehört hatte.
Eines Tages, war Fragmut ganz besonders nachdenklich. Er hatte beobachtet, dass alle Menschen sich wünschen, Glück und Liebe zu finden und sehr hart dafür arbeiteten. Trotzdem, schienen die Menschen aber oft unglücklich und stritten sich. Und das selbe konnte er auch bei den Tieren beobachten, ständig schienen sie in Furcht von einander zu leben, ein Tier jagte das andere und Glück und Ruhe schienen immer nur von kurzer Dauer. Müsste es nicht möglich sein, so fragte sich Fragmut, Glück und Liebe zu erlangen die ewig währten? Diese Frage liess dem jungen Mann keine Ruhe mehr. So oft er auch darüber nachdachte, er kam zu keiner Lösung.

Schliesslich rieten ihm die anderen Dorfbewohner mit seiner Frage den weisen alten Mann aufzusuchen, der ganz tief im Wald auf einem kleinen Berg wohnte. Fragmut übergab seine Arbeit seinem jüngeren Bruder, packte ein wenig Proviant, verabschiedete sich von seinen Eltern und machte sich auf die beschwerliche Reise.

Er war schon viele Tage unterwegs und fürchtete schon, dass er sich verlaufen haben könnte, als vor ihm der Berg des Weisen aus den Baumwipfeln aufragte. Während er sich dem Berggipfel näherte, bemerkte er, dass auf diesem Berg viele Tiere lebten. Er sah einen Fuchs, eine kleine Maus, viele verschiedene Vögel, Hasen und Rehe. Aus Unachtsamkeit wäre er sogar fast auf eine giftige Schlange getreten, sie reagierte aber erstaunlich friedlich und verschwand schnell im Dickicht ohne dass sie versucht hatte ihn zu beissen. Ob das daran lag, dass er sich der Höhle des Heiligen näherte, dessen Gegenwart die Umgebung und die Lebewesen beeinflusste?

Als er endlich vor einer Höhle die Gestalt des von Frieden und Wohlwollen erfüllten Greises erblickt, verneigte sich Fragmut sofort tief vor ihm. Der alte Mann war sehr zufrieden mit dieser respektvollen Begrüssung und gestattete es Fragmut gerne, ihm seine Frage zu stellen.

„Meister, bitte sage mir, wie kann ich wahres, unvergängliches Glück und wirkliche Liebe erlangen.“
Der alte Mann lächelte wohlwollend. „Das ist eine sehr wichtige Frage, die du da stellst mein Junge, die wichtigste überhaupt.“ Dann versank er für lange Zeit in Schweigen. Fragmut, sass ganz geduldig bei den Füssen des Meisters und wartete. Als die Sonne schon fast untergegangen war, brach der Alte sein Schweigen und sagte zu Fragmut: „Geh Morgen früh los, einen Tagesmarsch von hier entfernt liegt im Westen ein kleines Dorf. Geh dorthin und beobachte ganz genau, was dir unterwegs begegnet. Heut Nacht aber bleib noch hier und übernachte bei mir in meiner bescheidenen Höhle, ich werde eine gute Kräutersuppe für dich kochen.“

Gleich am nächsten Morgen brach Fragmut auf, er hatte die ganze Nacht kaum geschlafen vor Aufregung. Was würde Ihm auf seiner Reise begegnen? Als er den halben Tag gegangen war, und sich bestimmt schon dem Dorf näherte, kam ihm eine Gruppe von Menschen entgegen. Alle sahen sehr traurig aus. Fragmut konnte erkennen, dass in der Mitte der Gruppe eine Bahre von vier Männern getragen wurde. Auf der Bahre lag unter einer Decke ein Leichnam. Beim Vorbeigehen sah Fragmut, dass es eine noch ganz junge Frau war. Er fragte die Leute was der jungen Frau zugestossen sei. Eine alte Frau antwortete: “Sie hat ihr Leben geopfert, für ihre Familie. Ein menschenfressender Tiger drang gestern in unser Dorf ein, er ging direkt auf das Haus der Familie zu. Die junge Frau stemmte sich von innen gegen die Holztüre um den rasenden Tiger aufzuhalten, so konnten ihre drei Kinder durch die Hintertüre fliehen. Als es endlich den Männern des Dorfes gelang, den Tiger mit brennenden Fackeln in die Flucht zu schlagen, kam für die junge Mutter leider jede Hilfe zu spät. Wir sind alle sehr traurig, weil wir sie vermissen, aber durch ihre mutige und selbstlose Tat hat sie sich gewiss einen Platz im Himmel verdient.“
Schweigend und nachdenklich verliess Fragmut den Leichenzug und ging weiter auf das Dorf zu. Gegen Abend, als er schon die ersten Rauchschwaden aus dem Dorf über den Bäumen aufsteigen sah, hörte Fragmut auf einmal ein Rascheln im Dickicht. Erschrocken drehte er sich um. Da, vor ihm im Gebüsch sah er zwischen den zweigen das Gesicht eines Mannes erscheinen. Dahinter kamen seine Frau und drei Kinder zum Vorschein.

„Komm nicht näher!“ Rief der Mann. “Ich und meine Familie sind von einer schweren und ansteckenden Krankheit befallen.“ „Wie schrecklich“ entfuhr es Fragmut, „warum seid ihr denn nicht zuhause in euren Betten? Habt ihr denn keinen Arzt? Was macht ihr denn alleine ohne Hilfe und Schutz hier im Wald?“ „Wenn wir im Dorf geblieben wären, dann hätte sich die schreckliche Krankheit bald ausgebreitet und das ganze Dorf wäre möglicherweise ausgelöscht worden. Um das zu vermeiden, haben wir unser Haus verbrannt und bei Morgengrauen unbemerkt das Dorf verlassen, damit uns niemand folgt. Bitte versprich, dass du niemandem verrätst, dass wir hier im Wald sind.“

Fragmut war sehr berührt von der Opferbereitschaft der Familie, nur widerwillig gab er ihnen sein Versprechen über ihren Aufenthalt zu schweigen. Alles was er für sie tun konnte, war dass er ihnen den kleinen Rest von seinem Brot gab den er noch in seinem Beutel hatte und seine warme Decke für die Nacht. „Als die Frau sein bekümmertes Gesicht bemerkte, lächelte sie und sagte, „mach dir um uns keine Sorge, Gott wird sich schon um uns kümmern.“

Als Fragmut bei Anbruch der Dunkelheit das kleine Dorf erreichte, bemerkte er zu seinem Erstaunen, dass es völlig von Menschen überfüllt war. Eifrig suchte man für all die vielen Menschen einen Schlafplatz und auf dem Dorfplatz waren viele Frauen damit beschäftigt Reis und Gemüse für all die Leute zu kochen. Auf einen Mund mehr kam es da nicht an und Fragmut wurde sofort herzlich eingeladen, mit zu essen. Er bekam auch einen Schlafplatz bei einem Bauern und seiner Familie. Heute Nacht schliefen unter dem Dach des gastfreundlichen Bauern und seiner fünfköpfigen Familie drei Gäste. Für den Bauern selbst und Fragmut war kein Platz mehr im Haus und sie schliefen mit vier Ziegen und einem Hund im Stall. „Der Bauer hatte schnell gemerkt, wie verwundert Fragmut über die vielen Menschen war und als alles still war im Haus, erzählte er seinem jungen Gast die Geschichte vom Dorf Hochbergental:

„All die Menschen, die heute unser Dorf erreichten, kommen aus Hochbergental das weit oben zwischen hohen Bergen liegt. Wie du weißt, war es dieses Jahr aussergewöhnlich heiss. So heiss, dass die Schnee und Eismassen in den Bergen zu schmelzen begannen und in riesigen Strömen talwärts stürzten. Es war bald klar, dass unser ganzes Land vor einer Katastrophe stand. Die Wassermassen mussten gestoppt werden, bevor sie ins Tal gelangten. Der einzige Ort an dem das Wasser noch rechtzeitig gestaut werden konnte war die Berglücke die vor Hochbergental liegt. Diese Lücke musste mit grossen Felsbrocken eilig geschlossen werden. So konnte das Wasser gestaut und das Land gerettet werden. Hochbergental allerdings war dem Untergang geweiht. Alle Einwohner mussten in Windeseile zusammen mit ihren Tieren das Dorf verlassen, alle anderen Habseeligkeiten mussten sie zurücklassen!“

Fragmut hatte die ganze Nacht über das Erlebte nachgedacht und hatte kaum geschlafen. Gleich bei Sonnenaufgang war er aufgestanden, hatte sich eilig am Brunnen gewaschen, dem freundlichen Bauern eine Silbermünze in den Hut gelegt und hatte sich dann ohne Abschied und Frühstück auf den Weg gemacht. Er wollte keine Zeit verlieren. So schnell ihn die Beine trugen, eilte er zurück zu der Höhle des Einsiedlers. Der Alte Mann hatte ihn schon erwartet und lächelte heiter als er sah, dass sein junger Schüler ganz ausser Puste war. „Du scheinst sehr begierig zu sein, die Antwort auf deine Frage zu hören. Das ist gut Fragmut. Nun erzähle mir doch was du während deiner Abwesenheit beobachtet hast. Aber bitte, nun setz dich doch erst mal hin und lass deinen Atem wieder zur Ruhe kommen.“ Fragmut nahm die Aufforderung sich hinzusetzen gerne an. Der Alte Mann reichte ihm eine Schale Wasser und einige reife Früchte, damit sich sein Schüler erfrischen und Stärken möge.

Noch ehe er fertig gegessen hatte begann Fragmut schon seinem Lehrer alles zu erzählen, was er beobachtet hatte. Von der jungen Mutter die sich für die Familie geopfert hatte, von der Familie die sich für das Wohl des Dorfes geopfert hatte und auch von dem Dorfe Hochbergental dessen Einwohner ihr Dorf zur Rettung des ganzen Landes geopfert hatten.
„Ist dir bei diesen drei Begebenheiten eine Gemeinsamkeit aufgefallen, mein lieber Fragmut?“ Der Weise schaute seinen Schüler aufmerksam an. „Ja Meister. Die Opferbereitschaft.“ Der Lehrer lächelte zufrieden und fügte dann hinzu:“ Ja, so ist es, wenn man etwas kostbares retten will, dann muss man manchmal bereit sein ein grosses Opfer zu bringen. So mag sich ein Mensch opfern um eine Familie zu retten. Um ein Dorf zu retten, mag sich eine ganze Familie opfern. Um ein Land zu retten, mag sogar ein ganzes Dorf geopfert werden. Aber um dich selbst zu retten, um deine Seele zu retten, musst du die ganze Welt opfern.“

Über diese erstaunliche Antwort musste Fragmut die halbe Nacht nachdenken, bis ihn schliesslich die Erschöpfung der vergangenen Tage übermannte und er in einen tiefen Schlaf sank.

Als er aus der Höhle trat, sah er dass sein alter Lehre schon wach war und friedlich unter einem Baum meditierte. Fragmut wusch sich eilig am Bach und trat dann vor seinen Lehrer. Der Weise konnte im Gesicht seines Schülers schon die Fragen brennen sehen und verstand, dass das Frühstück wohl warten musste. „Meister, ich habe nachgedacht über deine Antwort und ich muss dir sagen dass ich sehr verwirrt bin. Was meinst du damit, dass man die Welt opfern muss um sich selbst zu retten? Und wovor soll man sich retten? Und überhaupt, ist es nicht sehr selbstsüchtig nur an die eigene Rettung zu denken?“
Lange sah der Heilige seinem Schüler forschend ins Gesicht. Schliesslich antwortete er. „Mein lieber Junge, ich bin froh, dass du diese wichtigen Fragen stellst und will versuchen sie dir zu beantworten: „Die Welt zu opfern bedeutet, den Wunsch zu opfern, die Welt zu geniessen. Solange du denkst, die Welt existiere nur zu deinem Vergnügen, befindest du dich in einer gefährlichen Illusion. In Wahrheit gehört alles Gott, er ist der höchste Herr und der beste Freund aller Lebewesen. Wenn du verstehst, dass alles Ihm gehört und alle Lebewesen seine Kinder sind, dann wirst du nicht diese Welt ausbeuten wollen, wie so viele es tun. Wenn die Menschen Gott als das Zentrum aller Dinge vergessen richten sie viel Unheil an.

Alles Glück dieser Welt, dass die Menschen für sich selbst geniessen wollen ist vergänglich. Sie vergessen, dass sie ewige Seelen sind und jagen verzweifelt nach diesem vergänglichen Glück. Sie denken dass sie sterben werden, wenn ihr Körper stirbt und darum sind sie immer von Sorge gequält. Vor dieser Täuschung kannst du dich nur retten in dem du den Wunsch aufgibst die Welt zu geniessen.

Wenn du dich aufrichtig bemühst zu verstehen dass alles Gott gehört, wirst du auch alle Menschen, die Tiere und die Natur mit mehr Liebe und Respekt behandeln und wenn du auf diese Weise selbst gerettet wirst, dann wirst du wirklich fähig sein auch den andern zu helfen.“

Fragmut hatte sehr aufmerksam zugehört und war nun wieder ganz still und nachdenklich geworden. Der alte Mann liess seinem Schüler Zeit über das Gehörte nachzudenken und zog sich wieder in die Meditation zurück.
Am Abend als die Sonne sich dem Horizont zu neigte und die Grillen ihr Konzert begannen, setzte sich der Schüler Fragmut wieder zu den Füssen seines Lehrers. „Meister“ sagte er, „ich habe gut darüber nachgedacht, was du mir gesagt hast. Du hast bestimmt recht, dass es das Beste ist den Wunsch die Welt zu geniessen aufzugeben und sein Leben ganz in den Dienst Gottes zu stellen. Nur leider glaube ich nicht dass ich das schaffen werde. Ich habe so viele Wünsche und die meisten scheinen mir ganz harmlos. Ich würde gerne heiraten und Kinder haben.“

Das Antlitz des Meisters war voll unschuldiger Heiterkeit, als er in das besorgte Gesicht seines Schülers blickte: “Ich kann dich gut verstehen, Fragmut. Sei unbesorgt. Auch wenn es dir nicht sofort gelingt alle Wünsche aufzugeben und überall Gott zu schauen. Wichtig ist nur, dass du dich ehrlich bemühst und geduldig bleibst. Ich will dir aber vier Ratschläge mit auf den Weg geben die du dir zu Herzen nehmen solltest, um gegen die schlimmste Täuschung gewappnet zu sein:
Du kannst mit frohem Herzen heiraten, vergiss aber nie, dass deine Frau und deine Kinder eigentlich die geliebten Diener Gottes sind. Bleib deiner Familie treu, auch wenn einmal Schwierige Zeiten kommen.
Auch alle anderen Lebewesen sind Geschöpfe Gottes, sei darum immer rücksichtsvoll, nachsichtig und barmherzig mit allen Lebewesen. Töte keine Tiere und vermeide es über irgendjemanden schlecht zu reden oder auch nur zu denken.
Halte dich fern von Alkohohl. Tabak und allen Drogen die deinen Geist vernebeln, sonst kannst du sehr schnell all deine guten Vorsätze vergessen. Du wirst deine Fähigkeit zu lieben, mitzufühlen und dich für andere einzusetzen nach und nach verlieren.

Nimm nicht an Glücksspielen teil. Verdiene dein Geld ehrlich und vertrau, dass Gott dir und deiner Familie alles gibt, was ihr zum Leben braucht. Schon viele Männer haben ihr Familienglück durch sogenanntes Glücksspiel verdorben.

Wenn du diese Ratschläge zu Herzen nimmst, wird dein Leben und Denken im Sinne der Güte und Wahrhaftigkeit bleiben und deine Bemühungen Gott zu dienen werden bestimmt erfolgreich sein.

Ich will dir nun noch drei Ratschläge geben, die dir helfen immer genug Kraft und Freude zu finden, denn es wird nicht immer leicht sein, auf dem Pfad der Liebe und Wahrhaftigkeit zu bleiben. Es mögen schwierige Umstände kommen und Zeiten in denen du selber schwach sein wirst:

Schliesse Freundschaft mit denen, die auf der Suche sind wie du und die versuchen in Liebe zu leben. Preise den Schöpfer jeden Tag mit einem Seiner vielen Namen. Lies die Schriften die Ihn preisen. Und komm mich oft besuchen mit deinen Freunden.

Fragmut war sehr erleichtert, dass er nun eine Antwort bekommen hatte, die er verstehen konnte und die er auch in seinem Leben würde anwenden können. Freudig und dankbar verneigte er sich vor dem Meister und machte sich auf den Heimweg. Während dem ganzen Weg dankte er in seinem Herzen Gott dafür dass Er die Wahrheit denen schenkt, die sie aufrichtig suchen.